22.07.2026
Lesezeit : 10 min

 

WiSE Storys

Claudia Nass Bauer

Technologie für Menschen

Wer hatte eigentlich die Idee zu WiSE? In diesem Interview lernst du Claudia kennen. Sie ist die Initiatorin von WiSE und sogar selbst »Quereinsteigerin« in der Softwarebranche  – ursprünglich  kommt sie nämlich aus dem Design-Bereich! Wie ihr Weg verlaufen ist und was sie antreibt erzählt sie hier.

Von Luise Wüstling

Wer bist Du?

Ich bin Claudia: Frau, Mutter von zwei tollen Kindern, DesignerinProfessorin und gebürtige Brasilianerin. Durch die Liebe habe ich den Weg nach Deutschland gefunden und lebe seit 2006 hier mit meiner Familie. Mich hat schon immer fasziniert, wie Gestaltung das Leben von Menschen verbessern kann. Heute verbinde ich genau diese Leidenschaft mit der digitalen Welt und beschäftige mich damit, wie wir Technologien entwickeln können, die den Menschen wirklich unterstützen.

 

Was machst Du beruflich?

Ich sage oft: Ich bin im Design geboren und in der Softwareentwicklung groß geworden.
Mein beruflicher Weg begann im Design, führte mich aber sehr früh in die Welt der digitalen Lösungen.  Seit 2021 bin ich Professorin für Design-Strategie an der Hochschule Mainz. Dort vertrete ich Themen wie strategische Entwicklung und Umsetzung innovativer Lösungen sowie Design- und Innovationsprozesse. Zudem forsche ich zu wertorientierte Gestaltung mit Daten und leite das Forschungsprojekt WiSE – Activating Women in Software Engineering. Mein Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen, die sich vielleicht auf den ersten Blick gar nicht als Teil der Tech-Branche sehen.  

 

Du beschäftigst dich mit den Themen »Human centered Design«, Frauen in der Softwareentwicklung und interdisziplinäres Arbeiten in der Softwareentwicklung, wie kam es dazu? 

Als ich 2006 am Fraunhofer IESE angefangen habe, war ich die erste Designerin im Forschungsbereich. Ich hatte das Glück, von Anfang an in einem interdisziplinären und vielfältigen Team zu arbeiten. Dort konnte ich meine Designkompetenzen einbringen und gleichzeitig sehr viel über Software Engineering lernen. Diese Kombination hat mich geprägt. Ich habe erlebt, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven für die Entwicklung digitaler Lösungen sind und wie sehr gegenseitige Wertschätzung Innovation fördert. Gleichzeitig konnte ich mich kontinuierlich in den neuesten Methoden der User Experience und des Human-Centered Design weiterentwickeln.

Umso mehr überrascht und frustriert es mich bis heute, dass viele Unternehmen noch immer nicht von dieser Form der Zusammenarbeit profitieren.

Wie entstand das Projekt WiSE? 

Während meiner fast 20-jährigen Tätigkeit am Fraunhofer IESE habe ich mit zahlreichen Unternehmen zusammengearbeitet. Dabei ist mir immer wieder aufgefallen, dass Teams mit Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen, und insbesondere mit einem höheren Frauenanteil, häufig kreativer arbeiteten, bessere Ideen entwickelten und letztlich erfolgreichere Lösungen hervorbrachten. 

Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Unternehmen dieses Potenzial noch nicht ausschöpfen. In Deutschland sind Frauen in der Softwareentwicklung weiterhin deutlich unterrepräsentiert. 

Aus dieser Beobachtung und meinem persönlichen Wunsch, aktiv etwas zu verändern, entstand die Idee für das Projekt WiSE.

 

 

Obwohl ich Industrie- und Grafikdesign studiert habe, habe ich mich schon früh auf die Entwicklung digitaler Lösungen spezialisiert.“

 

 

Was möchtest du damit bewirken? 

Ich wünsche mir, dass Frauen erkennen, wie wertvoll ihre Kompetenzen für die Entwicklung digitaler Produkte und Software sind. Viele bringen bereits Fähigkeiten mit, die in der Softwareentwicklung dringend gebraucht werden, wie z.B. aus Design, Psychologie, Kommunikationswissenschaft oder Sozialwissenschaften. 

Gleichzeitig möchte ich Unternehmen zeigen, welchen Mehrwert interdisziplinäre Teams bieten. Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern ein entscheidender Faktor für Innovation und bessere digitale Produkte.

Was sind deine Erfahrungen aus der Software-Branche? 

Obwohl ich Industrie- und Grafikdesign studiert habe, habe ich mich schon früh auf die Entwicklung digitaler Lösungen spezialisiert. Seit 2006 war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IESE tätig. 

Mein Schwerpunkt lag auf der Entwicklung und Erprobung von UX-Methoden sowie deren Anwendung in Forschungs- und Industrieprojekten. Ich habe Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen bei Innovationsworkshops, Interaction Design und User Interface Prototyping begleitet und Forschungsprojekte im Bereich digitaler Ökosysteme geleitet. 

Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, technische und menschliche Perspektiven zusammenzubringen. 

 

In der Tech-Branche sind Frauen ja noch immer unter­repräsentiert, woran denkst du liegt das? 

Es gibt dafür nicht den einen Grund, sondern viele Faktoren. 

Bereits während der Schulzeit entscheiden sich viele Mädchen gegen naturwissenschaftliche oder technische Fächer. Dazu tragen unter anderem fehlende Vorbilder und stereotype Rollenbilder bei. Diese Entwicklung setzt sich im Studium fort: Informatikstudiengänge werden nach wie vor überwiegend von Männern gewählt. 

Hinzu kommt, dass Softwareentwicklung häufig ausschließlich als technische Disziplin wahrgenommen wird. Tatsächlich entstehen gute digitale Produkte aber nur dann, wenn auch Kompetenzen aus beispielweisem Design, Psychologie, Kommunikationswissenschaft oder Sozialwissenschaften einbezogen werden. 

 

 

Oft sind Frauen sich nicht darüber im Klaren, dass sie bereits über Kompetenzen verfügen, die in der Softwareentwicklung dringend benötigt werden.“

 

 

Human-Centered Design schafft genau diese Verbindung. Allerdings wird dieser Ansatz bislang noch nicht flächendeckend in Unternehmen gelebt. Dadurch bleiben viele potenzielle Zugangswege für Frauen in die Tech-Branche ungenutzt. 

 

Was müsste sich in der Technik-Branche verändern, damit sie inklusiver und vielfältiger wird? 

Ich bin überzeugt, dass Human-Centered Design ein wichtiger Schlüssel für mehr Vielfalt ist. 

Wenn Unternehmen konsequent menschenzentriert entwickeln, benötigen sie automatisch unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen. Neben Informatik werden dann die anderen Disziplinen ein wichtiger Bestandteil der Produktentwicklung. 

Dadurch entstehen nicht nur bessere digitale Lösungen für die Menschen, sondern auch vielfältigere Teams. Genau diese fachliche Vielfalt kann gleichzeitig dazu beitragen, den Frauenanteil in der Softwareentwicklung nachhaltig zu erhöhen.

Welchen Ratschlag würdest du Frauen geben, die in den Bereich der Softwareentwicklung einsteigen möchten? 

Oft sind Frauen sich nicht darüber im Klaren, dass sie bereits über Kompetenzen verfügen, die in der Softwareentwicklung dringend benötigt werden. Wichtig sind Neugier auf digitale Technologien und der Wunsch, das Leben der Menschen durch gute digitale Lösungen zu verbessern. Niemand muss Informatik studiert haben, um einen wertvollen Beitrag leisten zu können. 

Weiterbildungen im Bereich Human-Centered Design, User Experience oder User Research können dabei helfen, die eigenen Kompetenzen mit der Softwareentwicklung zu verbinden. Und dann gilt: Traut euch, euch zu bewerben. Auch wenn nicht alle Anforderungen einer Stellenausschreibung erfüllt sind, lohnt sich der Kontakt zu Unternehmen. Oft entstehen gerade im Gespräch neue Möglichkeiten und Entwicklungsperspektiven.

 

Gibt es noch etwas, was du ergänzen möchtest? 

Ich wünsche mir, dass Studierende verschiedener Fachrichtungen schon während ihres Studiums häufiger interdisziplinär an Projekten arbeiten. Interdisziplinäre Zusammenarbeit baut Berührungsängste ab, vermittelt neue Kompetenzen und eröffnet neue Karriereperspektiven. 

Deshalb würde ich mir wünschen, dass Human-Centered Design als Wahlpflichtmodul in allen für die Tech-Branche relevanten Studiengängen angeboten wird. Denn die digitale Zukunft wird nicht allein von Technologie gestaltet, sondern von Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Kompetenzen.